Quo Vadis, Karawane Cannstatt?

Freitag, 4. September 2026. Erstes Saisonheimspiel im Neckarstadion. Das bedeutet seit mittlerweile 20 Jahren auch: Es ist wieder Zeit für die Karawane Cannstatt.
Was damals mit ein paar Hundert Versprengten begann, die unter den skeptischen Blicken der Polizei über den Wasenparkplatz liefen, ist über die Jahre zu einer festen Größe in unserer Fanszene geworden. Egal ob erste oder zweite Liga, egal ob Dauerregen oder glühende Hitze: Tausende in Weiß-Rot ziehen gemeinsam über die Daimler- und Mercedesstraße.
Die Idee hinter der Karawane war damals denkbar einfach: Wir wollten die Begeisterung und die Lautstärke der Kurve raus aus dem Stadion und direkt auf die Straßen Bad Cannstatts tragen. Vor zwei Jahrzehnten war so etwas alles andere als selbstverständlich. Fußball hatte gesellschaftlich noch nicht den heutigen Stellenwert, die Stadien waren nicht immer ausverkauft und an soziale Medien war überhaupt nicht zu denken.
Heute zieht die Karawane Zehntausende an. Mittlerweile trägt im ganzen Stadtteil gefühlt jede Dönerbude den Brustring und die Bilder unseres Marsches gehen jedes Jahr aufs Neue durchs Netz.
Aber wir müssen ehrlich sein: Es haben sich Auswüchse eingeschlichen, die wir so nicht mehr hinnehmen können.
Immer mehr Leute wollen gar nicht mehr aktiv Teil des Zuges sein, sondern das Spektakel nur noch gemütlich konsumieren. Sie stellen sich an den Straßenrand wie beim Fasnetsumzug und warten darauf, dass was geboten wird. Noch schlimmer sind die Personen, die völlig blind auf die Straße drängen, nur um hektisch ein verwackeltes Selfie vor dem Frontbanner abzugreifen – mit der Freundin, den Kids oder einfach für die eigene Story. Für die Dynamik des Zuges fehlt jedes Gefühl. Wer diese Leute bittet, die Strecke freizumachen, erntet meistens nur verständnislose Blicke oder pampige Antworten.
Statt gemeinsam den VfB zu feiern, stehen da Menschen im Brustringtrikot am Rand und filmen die aktiven Karawane-Teilnehmer wie Tiere im Zoo. Dieser reine Egoismus zerstört am Ende genau das, was wir eigentlich alle zusammen erleben wollen.
Sogar die Brücke an der Schleyer-Halle musste schon vor Jahren für Schaulustige dichtgemacht werden. Mittlerweile drängeln sich dort Journalisten, die Zugang zur abgesperrten Brücke erhalten, um die besten Plätze für ihre Fotos. Wenn dann noch gewisse Journalisten pampig werden, weil sie Platz für Vorsänger und Trommler machen sollen und sich danach im Podcast über den rüden Ton beschweren, fragt man sich ernsthaft: Geht’s eigentlich noch?
Während der 90 Minuten sitzt ja schließlich auch kein Journalist und Fotograf im Mittelkreis, nur weil man von dort die besten Fotos knipsen kann.
Um es auf den Punkt zu bringen: So kann und wird es nicht weitergehen. Diese Zustände nehmen den Leuten, die Woche für Woche ihr Herzblut und ihre Freizeit reinhängen, extrem die Motivation. Viele stellen sich mittlerweile die Frage, warum sie sich das überhaupt noch antun. Wir werden jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie eine unserer stärksten Traditionen durch Konsumhaltung und Rücksichtslosigkeit vor die Hunde geht.
Wir werden nach dem Spieltag mit etwas Abstand reflektieren und gemeinsam besprechen, wie wir die Ausgabe 2027 angehen können.
Gleichzeitig sollte sich jeder Einzelne hinterfragen: „Wie bringst du dich eigentlich in unsere Fanszene ein? Bist du jemand, der aktiv mitgestaltet – oder stehst du nur gaffend am Rand oder mit Handy im Block?“






