Bereits in der abgelaufenen Saison wurde von den Fanszenen Deutschlands der Versuch gestartet, endlich gezielte Verbesserungen für Fans zu erreichen und Faninteressen wieder auf die Agenda der Entscheidungsträger zu hieven. In diesem Sinne fanden neben verschiedenen Aktionsspieltagen auch zwei Gespräche beim DFB in Frankfurt statt. Von Seiten der Fanszenen Deutschlands wurde dort versucht, ein möglichst direktes und glaubhaftes Bild der aktuellen Probleme zu zeichnen. Im Nachgang des ersten Gesprächs wurden zu diesem Zweck auch insgesamt fünf Positionspapiere ausgearbeitet und im Dezember letzten Jahres an die Teilnehmer des Gesprächs verschickt. Im Papier zum Thema Kommerzialisierung wurde mittlerweile noch eine Passage zum Thema Videobeweis ergänzt.

Positionspapier Anstosszeiten
Positionspapier Fanrechte
Positionspapier Kommerzialisierung
Positionspapier Sportgerichtsbarkeit
Positionspapier Stadionverbote

Seitens der Verbände wurde mal wieder etwas Dialog simuliert und mit warmen Worten nicht gegeizt, das war es dann aber auch. Wir wollen daher unsere Anliegen nochmal in aller Deutlichkeit in die Öffentlichkeit tragen. Vor allem der DFB täte gut daran seine Energie in die Lösung dieser Probleme zu investieren, statt diese auf den Versuch zu begrenzen die nächste Fußballgroßveranstaltung zu kaufen.

United by money.
Korrupt im Herzen Europas.

Trailer Karawane Cannstatt 2018

Vom: 29. August  2018

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Klarstellung zur Karawane Cannstatt

Vom: 22. August  2018

Natürlich freuen wir uns darüber, dass der VfB Stuttgart durch seine lebendige Fankultur bei Spielern einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Wir waren uns immer sicher, dass eine gut aufgelegte Kurve für den Erfolg auf dem Platz ausschlaggebend sein kann. Wenn uns jetzt auf diese Art bestätigt wird, dass wir auch neben dem Platz einen Beitrag zum Erfolg des VfB Stuttgart leisten können, erfüllt uns das umso mehr mit Stolz.


Erste Karawane Cannstatt am 12.08.2006 beim Heimspiel gegen den 1.FC Nürnberg

Was uns aber irritiert und sprachlos zurücklässt, ist die kommerzielle Ausschlachtung unserer Karawane auf den Social Media Plattformen des VfB. Die Karawane begann vor 13 Jahren hinter der Heimfahne des Commando Cannstatt 97, mittlerweile ziehen tausende VfB-Fans hinter einer großen Cannstatter Kurve Zaunfahne durch ihr Viertel zum Stadion. Die Karawane ist eben kein Social Media Post mit verlinkter Werbung zu Artikeln aus dem VfB Sport Shop. Sie ist der Saisonstart der Cannstatter Kurve, das Versprechen die Mannschaft auch in dieser Saison wieder fanatisch zu unterstützen, das notwendige Zeichen gegen den allumfassenden Kommerz in unserem Lieblingssport und ein trotziges Statement für den Erhalt von 50+1.

JETZT ERST RECHT!

Vom: 21. August  2018

Vor rund zwölf Monaten schlossen sich bundesweit die Fankurven zusammen, um sich der voranschreitenden Zerstörung des Fußballs wie wir ihn kennen entgegen zu stellen. Nachdem medial zahlreiche Versuche all jener, die sich von dieser Kampagne in die Enge getrieben fühlten, misslangen, mussten sich diese Verantwortlichen bei DFB und DFL in den kommenden Monaten an ihren öffentlichen Aussagen messen lassen.

Die anfängliche Euphorie wich in den zwei erfolgten Standpunktgesprächen zwischen Vertretern der Fanszenen Deutschlands mit den Verantwortlichen aus DFB und DFL schnell. Viel mehr verfestigte sich abermals der Eindruck, man wolle diesen Dialog wie in den vergangenen Jahrzehnten nutzen, um mit einem medienwirksamen Gesprächsangebot und netten Worten die Taten um jeden Preis zu vermeiden.

Eine Mitschuld an den Entwicklungen tragen in zahlreichen Fällen auch die Vereinsvertreter. Oftmals offenbarte ein Blick hinter die Kulissen, dass Vertreter der Vereine im Innenverhältnis gegenüber den eigenen Fanvertretern Verständnis und Zusagen geben, um innerhalb der Liga-/Verbandsversammlungen dann genau gegenteilig zu agieren. Auch fehlt es hier ganz klar an einer lösungsorientierten Vernetzung und Eigeninitiative. Insbesondere in der Causa um die 50+1-Regel zeigte der Vorstoß des Vertreters vom FC St. Pauli eindrucksvoll, dass es unter den Vereinsvertretern deutlich Spielraum für mehr Eigeninitiative gibt, der noch ungenutzt ist. Die Vereinsvertreter sind mit Nichten die Abnicker von kommerziellen Plänen der Deutschen Fussball Liga, die allein aus Selbsterhaltungszwecken die Vermarktung der Ware Fussball vorantreiben muss. Die Vereinsvertreter sind die, die Werte und Wünsche der Basis aus Mitgliedern und Fans ihrer Vereine vertreten sollen.

Nur wenige Tage nach dem zweiten Gespräch stellte sich heraus, dass ab der Saison 2018/2019 sogar die 3. Liga einen Montagsspieltag haben wird, was im Rahmen des Gesprächs zu keinem Zeitpunkt seitens der Verbände angebracht wurde, obwohl mit Thomas Schneider eine selbsternannte Person mit der Kernkompetenz Faninteressen vertreten war. Alleine hier hätte die Brisanz des Themas auffallen müssen. Stattdessen wurde mit einer Pilotphase für die einheitliche Behandlung von Fanutensilien ein neuer Papiertiger geschaffen, der bis heute keine Ergebnisse vorzuweisen hat. In puncto Sportsgerichtbarkeit goss der DFB seine bisher intransparenten Strafen in horrenden Höhen lediglich in Formen und manifestierte sein willkürliches Ersatzstrafrecht in einem Strafenkatalog. Auch hier kann von einer Verbesserung im Sinne von Vereinen und Fans keine Rede sein. Von Transparenz fehlt weiterhin jede Spur, was auch die bis heute mangelnde Aufklärung der Causa Beckenbauer in Zusammenhang mit den Sommermärchen-Millionen oder im Falle des Funktionärs Curtius sehr eindrucksvoll widerspiegelt. Die vermeintliche Neurregelung der Regionalligen wurde in einem Hauruckmanöver zu einem Glücksspiel umfunktioniert, anstatt eine klare Regelung zu finden. Wir können diese Liste Punkt für Punkt abarbeiten um letztendlich unter dem Strich festzuhalten: Dem DFB und der DFL sind sich weder dem Gegenwert dieser ausgestreckten Hand der Fanszenen Deutschlands, noch den Konsequenzen dieser mangelnden Wertschätzung der Basis in den Stadien bewusst. Stattdessen manifestierte sich viel mehr der Eindruck, dass der Fussballsport noch weiter seiner sozialen und kulturellen Wurzeln beraubt werden soll, um ihn auf dem Altar der Profitgier von den Verbänden auszunehmen.

Aus diesem Grund sehen wir keine andere Möglichkeit, als die Gespräche mit sofortiger Wirkung zu beenden und den Protest noch engagierter als zuvor in die Stadien zu tragen.

Wir sind weiterhin bis in die Haarspitzen motiviert, uns für die Grundwerte des Fussballs und gegen eine weitere Entfremdung des Fussballs durch Korruption, Gutsherrenmachenschaften und Kommerzialisierung einzutreten. Wir sehen es mehr denn je als unsere Verantwortung gegen den DFB und die DFL aufzustehen und wissen zehntausende Unterstützer in den Kurven des Landes hinter uns.

Ihr werdet auch in dieser Saison von uns hören!

Die Fanszenen Deutschlands im August 2018

Auch in diesem Jahr wollen wir die Saison vor dem ersten Heimspiel gemeinsam als Cannstatter Kurve mit der inzwischen dreizehnten Karawane Cannstatt eröffnen. Wie aus den vergangenen Jahren bereits bekannt, werden wir mit der Karawane Cannstatt auch ein wichtiges Statement nach außen tragen:

UNVERHANDELBAR: 50+1 BLEIBT!

Der Fußball steht am Scheideweg. Seit Monaten schwelt eine Debatte um die Abschaffung der 50+1-Regel. Allen voran Martin Kind kämpft aktuell in vorderster Front für die Abschaffung der Regelung. Der Präsident von Hannover 96 versuchte sich erst innerhalb des bestehenden Systems über bestehende Ausnahmeregelungen durchzumogeln und sich die Mehrheit an Hannover 96 unter die Nägel zu reißen, nach dem Scheitern dieses Plans bestreitet er jetzt den Klageweg. Sicher kann er sich in seinen Forderungen aber auch der Rückendeckung des Branchenprimus, unseres heutigen Gegners, des FC Bayern sein, dessen Verantwortliche sich ebenfalls bereits des Öfteren für eine Abschaffung der Regel ausgesprochen haben. Mit Alfred Draxler (BILD) und Rainer Franzke (kicker) sind zudem zwei hochrangige Journalisten reichweitenstarker Medien seit längerem auf den Zug der 50+1-Gegner aufgesprungen. Im März 2018 konnte in diesem Kampf um 50+1 ein kleiner Teilerfolg verbucht werden, als die Mitgliederversammlung der Vereine der ersten und zweiten Bundesliga sich in der Mehrheit für einen Erhalt der Regel aussprachen. Doch die Gegner lassen nicht locker und wollen die Regel früher oder später zu Fall bringen. Wenn diese Türe einmal geöffnet ist, dann stellt sich nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch wann englische Verhältnisse mit all ihren negativen Begleiterscheinungen in deutschen Stadien Einzug halten.

Die Cannstatter Kurve hat dazu ein klares Meinungsbild: 50+1 bleibt! Nicht nur eine Fahne am Zaun der Kurve bringt dies zum Ausdruck, auch eine breite Basis aus 216 Fangruppierungen und Fanclubs aus der VfB-Fanszene setzte mit der Unterzeichnung der Petition „50+1 bleibt!“ (https://50plus1bleibt.de/), welche den Vereinsvertretern vor der DFL-Mitgliederversammlung im März übergeben wurde, ein klares, öffentliches Zeichen für den Erhalt der 50+1 Regelung.

Vom VfB wurde zum Thema 50+1 leider noch keine Position eingenommen und sich auch bei der Abstimmung auf der DFL-Mitgliederversammlung enthalten. Zuletzt forderte Wolfgang Dietrich die Diskussion „irgendwann einmal zu beenden. Egal, in welche Richtung es dann geht“ und kündigte in absehbarer Zeit ein Statement des Vereins an. Wir hoffen, dass der VfB die Chance nutzt, seinen Fans etwas zurückzugeben, sich hinter sie zu stellen und sich klar für einen Erhalt der 50+1 Regel zu positionieren. Der Rückhalt von einer breiten Masse an Fans sollte dem Verein gewiss sein. Sei es durch die riesige Unterstützung aus der VfB-Fanszene für die Petition „50+1 bleibt!“, aber auch durch hoffentlich wieder tausende VfB-Fans, die das Thema am 01.09.2018 bei der 13. Karawane Cannstatt auf die Straßen unseres Stadtbezirks tragen!

50+1 ist keine Diskussionsgrundlage, sondern eines der schützenswertesten Güter des deutschen Fußballs!

Commando Cannstatt 1997

Organisatorisches: Auch in diesem Jahr bitten wir euch wieder auf Pyrotechnik und Glasflaschen während der Karawane zu verzichten und den Anweisungen unserer Ordner Folge zu leisten. Legt die Handys und Fotos weg, werdet ein Teil der Karawane Cannstatt und lasst uns alle gemeinsam einen tollen Heimspielauftakt feiern!

Der Schwabensturm 2002 hat ein Interview mit Rechtsanwältin Angela Furmaniak zum PAG geführt, welches wir euch hiermit ans Herz legen wollen: https://issuu.com/gmx367/docs/fragen___antworten_zum_pag_neu

Flyer des S02 zum PAG

Vom: 04. Mai  2018

Der VfB hat dem Schwabensturm das Verteilen von Flyern zum PAG beim Heimspiel gegen Hoffenheim verboten. Alles Wissenswerte dazu findet ihr hier:

http://schwabensturm02.net/blog/?p=3735

Beim Auswärtsspiel in Leverkusen zeigten wir ein Spruchband mit dem Text: „Heute Bayern, morgen Deutschland – PAG stoppen!“

Mit Sorge blicken wir als Fußballfans derzeit nach Bayern. Voraussichtlich im Mai will die dortige Landesregierung über ein neues Polizeiaufgabengesetz (PAG) abstimmen. Die Gesetzesnovelle beobachten wir bundesweit mit großer Skepsis. Wir befürchten: Das Gesetz könnte für andere Bundesländer Signalwirkung haben – und es wird uns auch als Fußballfans betreffen.

Um was geht es?

Das Gesetz soll die Befugnisse der Polizei in Bayern massiv erweitern. Konkret führt der derzeitige Entwurf den Begriff der sogenannten „drohenden Gefahr“ ein. Das bedeutet: Sobald die Polizei vermutet, dass eine Person zukünftig Straftaten begehen könnte, kann sie umfassende Maßnahmen einleiten. Dafür muss man in der Vergangenheit keine Straftaten begangen haben. Faktisch stellt das neue Gesetz jeden Bürger unter Generalverdacht. Geht es so durch wie derzeit geplant, hätte die Polizei in Bayern nahezu grenzenlose Befugnisse.

  • Die Polizei dürfte auf reinen Verdacht Orts-, Aufenthalts-, und Kontaktverbote aussprechen.
  • Die Polizei dürfte auf reinen Verdacht elektronische Fußfesseln gegen mögliche „Gefährder“ aussprechen.
  • Die Polizei dürfte auf reinen Verdacht die Telekommunikation anzapfen – und das zum Beispiel auch in eigentlich verschlüsselten Nachrichten und Chats.
  • Die Polizei dürfte auf reinen Verdacht Postsendungen abfangen.
  • Die Polizei dürfte in Echtzeit Kameradaten auswerten und die Leute auf den Aufnahmen identifizieren. Zudem sollen Einsatzkräfte mit sogenannten „Bodycams“ ausgestattet werden.
  • Die Polizei hätte die Möglichkeit, beispielsweise über Drohnen, Videos von „Verdächtigen“ zu filmen, ihre Handydaten zu speichern oder ihre Telefon- und Internetverbindungen zu kappen.
  • Die Polizei dürfte nicht mehr nur Maschinengewehre und Handgranaten einsetzen, sondern auch Sprenggeschosse, die aus Schusswaffen verschossen werden können.
  • Was geht uns das an?

    Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das Gesetz bundesweit Schule machen könnte. Heute Bayern, morgen Deutschland. Andere Bundesländer, wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, sollen bereits über die Einführung ähnlicher Gesetze nachdenken.

    Hinzu kommt, dass wir als Fußballfans nahezu alle vom neuen PAG betroffen sind. Spätestens dann nämlich, wenn wir selbst zu Auswärtsspielen nach Bayern reisen. Schon jetzt treten die Einsatzkräfte dort häufig aggressiver auf, als in anderen Bundesländern. Wir fragen uns: Wie wird das erst mit den erweiterten Befugnissen sein? Schließlich macht das Bayerische Innenministerium gar keinen Hehl daraus: Der Begriff der „drohenden Gefahr“ soll nicht nur auf dem Gebiet der Terrorabwehr gelten. Bedeutet konkret: Auch wir als Fußballfans werden früher oder später unter die Kategorie potenzieller Gefährder fallen. Nicht weil von uns tatsächliche Gefahr ausginge, sondern weil die Polizei in uns „drohende Gefahr“ ausgemacht haben will. Noch ist zudem völlig unklar, wie weit das bayerische Gesetz tatsächlich reichen würde. Wenn eine Mannschaft aus einem anderen Bundesland in den Freistaat reist – dürfte die Bayerische Polizei dann möglicherweise auch die Handys der Gästefans anzapfen? Geht das neue Gesetz in Bayern durch, wäre die Büchse der Pandora hin zum Polizeistaat tatsächlich geöffnet.

    Uns ist natürlich bewusst, dass wir als Fußballfans in Deutschland – mit Ausnahme der bayerischen Szenen – nur indirekt Einfluss auf die Politik im Freistaat nehmen können. Es ist uns dennoch wichtig ein gemeinsames Zeichen zu setzen. Das Thema ist von zu großer Bedeutung und Signalwirkung, um es nur regional auszufechten. Wir fordern deshalb: Neues Polizeiaufgabengesetz stoppen!

    Beim Heimspiel gegen Werder Bremen zeigten wir ein Spruchband mit dem Text:
    „FREEDOM AND JUSTICE FOR ULTRAS WHITE KNIGHTS!“

    An dieser Stelle wollen wir ein paar Hintergrundinfos geben. Auch wenn wir in Deutschland ständig mit Repressionen und Einschränkungen gegenüber unserer Fankultur zu kämpfen haben, fällt es schwer wirkliche Parallelen zu ziehen.

    In der westlichen Presse wurde die aktive Rolle der ägyptischen Ultras beim Kampf gegen das Regime Hosni Mubaraks im Jahr 2011 lobend beachtet. Ihre bedeutende Rolle in der Revolution hat ihnen eine so starke Position eingebracht, dass sie „Verteidiger des Tahrir-Platzes“ genannt wurden. Schaute bei der Revolte im arabischen Frühling noch die versammelte Weltpresse hin, so werden jetzt, wo die damals beteiligten Ultrasgruppen unter der Militärrepression leiden müssen, die Augen verschlossen. Beginnen wir mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse nach der ägyptischen Revolution:

    Im Februar 2012 spielte Al Ahly – Zamaleks Stadtrivale und zweiter großer Verein in Ägypten – in Port Said. Die Sicherheitsorgane versagten und schauen bewusst weg. Von der Militärregierung bezahlte Schläger, mutmaßlich gefolgt von einigen Ultras der Green Eagles Port Said, stürmten den Platz und später den nach hinten verschlossenen Gästeblock und 74 Al Ahly – Fans wurden erstochen, erschlagen oder zertrampelt. Die Rache an den Al Ahly Ultras für ihr Auftreten während der Aufstände war perfekt. Der ägyptische Fußball lag am Boden. Fortan sollten bis Februar 2015 alle Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

    Drei Jahre später überraschte Mortada Mansour – Zamalek-Vorsitzender und Mitglied des ägyptischen Parlaments mit Kontakten zu allen wichtigen Stellen im Lande – die Fans mit 10.000 Einladungen zum Liga-Spiel gegen Enppi am 08. Februar 2015. Für das erste Ligaspiel nach einer Ewigkeit sollte der Eintritt also kostenlos sein. Kurzfristig entschied sich Mortada nur 5.000 Tickets herauszugeben. Aufgrund der ausgesprochenen Einladung und der langen Durststrecke kamen aber riesige Massen an Fans ans Stadion und warteten vor dem einzigen geöffneten Eingangstor des Stadions in einem von Eisenzäunen gesäumten Gang dicht gedrängt auf Einlass. Nachdem wenige Hundert Personen den Käfig durchschritten hatten, wurde der Eingang von der Polizei verschlossen. Der Druck stieg von Minute zu Minute, das Tor blieb geschlossen. Es kam zur Massenpanik woraufhin die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen in die Menge zielte. Menschenmassen waren blind vor Gas und in Panik. Einige wurden zertrampelt, andere erstickten. Gleichzeitig wurden die Flüchtenden von Polizeifahrzeugen und nicht enden wollendem Tränengas gejagt. 20 Zamalek Fans verloren ihr Leben durch diesen mörderischen Akt. Im späteren Verlauf zeigte Mortada sein wahres Gesicht. Den Spielern, die nicht antreten wollten, erklärte er, dass es nur kleine Ausschreitungen ohne Tote gab. Später wurde ein Arzt, der den Gifttod einiger Opfer bescheinigte, von seinen Vorgesetzten bestraft. Nicht die Verantwortlichen des Vereins oder der Exekutive mussten sich vor Gericht verantworten – es wurden 18 Zamalek-Fans, unter ihnen führende Mitglieder der UWK, verhaftet. Sie sollten für das Ganze verantwortlich sein und wurden deshalb zu 7 Jahren Haft verurteilt. Andere die in der Zwischenzeit aus dem Land fliehen konnten, zu 25 Jahren. Zudem verfügte ein Kairoer Gericht ein Verbot der Ultrasgruppen und deren Auflösung, Ultras würden ab sofort als terroristische Organisationen eingestuft. Klage erhoben hatte übrigens Mortada Mansour, der Vorsitzende von Zamalek, bekannt als früherer Gefolgsmann von Mubarak. Die Rächer der Revolution sind überall.

    Nach dieser erneuten Tragödie entschieden der ägyptische Staat und der Fußballverband erneut, alle nationalen Spiele ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Dennoch ließen sich die Ultras nicht von ihrer Leidenschaft abbringen. Wenn der eigene Verein in der afrikanischen Version der Champions League antritt, sind Zuschauer zugelassen. Internationale Heimspiele Zamaleks werden aus Sicherheitsgründen im Borg El Arab Stadium, das aufgrund der Zuständigkeiten auch Army Stadium genannt wird, im circa 3 Stunden entfernten Alexandria ausgetragen. Kein Hindernis für Fans aus dem ganzen Land. Es war der 09. Juli 2017, Zamalek trat gegen die Libyer aus Tripolis an. Die UWK akzeptierten nicht, dass in der CL zwar Zuschauer erlaubt, die Kurven aber geschlossen bleiben. Direkt nach dem Betreten der Geraden versuchten die Ultras die Kurve zu entern, wo sich ihnen Armee und Polizei entgegenstellten. Es kam zu Ausschreitungen. Als dann noch mit Maschinenpistolen bewaffnete Spezialkräfte dazukamen, trat man den Rückzug an. In der zweiten Halbzeit warfen die Zamalek Ultras unzählige Bengalen von der Geraden auf das Spielfeld und provozierten eine Spielunterbrechung. Ein Zeichen des Protestes, denn es ging ihnen hier um mehr als nur ein Spiel. Es ging darum nicht akzeptieren zu wollen, kein Teil des eigenen Vereins und des Fußballs sein zu dürfen. Die Provokation saß und der Staat schlug nach dem Spiel zurück. So begann eine wahre Hetzjagd auf die Ultras und es kam zu über 260 Verhaftungen. In Ägypten ist allerdings auch kein dringender Tatverdacht für eine Verhaftung notwendig. Nach einem Monat wurden dann 24 Leute wieder entlassen, Anfang Dezember folgten die restlichen 236 Zamalek-Fans. Was für diese bleibt, sind 6 Monate Gefängnis ohne ein Urteil.

    Wenige Tage vor dem 08. Februar 2018, dem 3. Jahrestag, an dem 20 Zamalek-Fans ihr Leben ließen, wurden dann in einer Nacht und Nebel-Aktion 18 UWK-Mitglieder während einem Bootstrip auf dem Nil verhaftet. Wieder gab es keinen Tatvorwurf und keine Begründungen für die Verhaftungen. Allerdings wird vermutet, dass damit öffentliche Gedenkaktionen der UWK verhindert werden sollten. Im Vorfeld des Trauertags gelang es den UWK trotzdem, an einigen Orten Gedenk-Graffitis zu platzieren und außerdem entstanden einige Erinnerungsfotos bei Besuchen der Familien der Verstorbenen. Kurz nach dem 8. Februar wurden 5 der 18 entlassen. Die 13 anderen verweilen bis heute in Haft.

    Bis heute ist keine Ruhe eingekehrt. Seit dem 8. Februar kommt es regelmäßig zu Verhaftungen. Oft wusste man tagelang nicht, wo die „verschwundenen“ Personen hingebracht wurden. 6 UWK-Mitglieder wurden beispielsweise auf dem Rückweg der Hochzeit eines Gruppenmitglieds verhaftet. 2 von ihnen wurden nur deshalb freigelassen, weil sie Journalisten und Fotografen waren. Die Zahl der Personen, die seit dem 08. Februar verhaftet wurden ist nur knapp unter 30. Dies dauert bis zum heutigen Tag an und die Mitglieder der UWK leben in ständiger Ungewissheit, wen es willkürlich als nächstes erwischt.

    Weitere Infos findet ihr in der aktuellen Ausgabe von Blickfang Ultra.

    FREEDOM AND JUSTICE FOR ULTRAS WHITE KNIGHTS!

    Den zweiten Teil des Interviews mit der Initiative „Mein Club, mein Verein“ aus der Nordkurve Nürnberg über die Ausgliederung beim VfB findet ihr hier:

    http://meinclubmeinverein.de/index.php/warum-e-v/13-andere-profimannschaften/58-ausgliederung-beim-vfb-interview-mit-dem-commando-cannstatt-teil-2