Zum Spiel in Leipzig

Vom: 17. Oktober  2017

Über das Konstrukt RB Leipzig wurde im Grunde schon alles geschrieben und gefühlt in jedem Stadion konnte man den Kampf „Gut gegen Böse“ oder „Tradition gegen Retorte“ verfolgen. Im Grunde könnte man sich nun die besten Aspekte der zahlreichen Argumentationen zu eigen machen, die Schwierigkeit ist allerdings eher unsere eigene Rolle im Duell „wir gegen die“.

Wer oder was ist RB Leipzig?
RB Leipzig ist eine Marketingmaßnahme des Getränkeherstellers Red Bull, welche ohne Rücksicht auf Verluste agiert. Red Bull versucht durch den Unterhalt einer entsprechenden Fußballmannschaft das Profil seiner Marke zu schärfen und einen Imagetransfer von der Mannschaft zum Getränk zu schaffen. Die Attribute gehen dabei in die Schiene jung, talentiert, international, leistungsbereit, professionell, ambitioniert und modern.
RB Leipzig spielt also nur Fußball, weil Red Bull Dosen verkaufen möchte, aus unserer Sicht der Inbegriff von Retorte. Das beweist unter anderem die Tatsache, dass rund 1/3 des Gesamtumsatzes von Red Bull direkt wieder ins Marketing befördert wird. Wer solch ein Konstrukt auch noch anfeuert, macht sich zur Staffage in einem 24/7 Werbespot.

Wer oder was ist der VfB Stuttgart?
Der Reflex ist klar: Der VfB ist ein Traditionsverein. Die Frage ist, ob das so noch stimmt. Schließlich hat der VfB Stuttgart 1893 e.V. keine Bundesligamannschaft mehr. Er besitzt nur noch Anteile an einer AG, die eben eine Bundesligamannschaft hat. Richtig ist, dass der VfB nicht gegründet wurde, um Produkte zu promoten oder Geld zu verdienen, sondern um den Fußballsport zu etablieren und fußballbegeisterten Menschen einen Anlaufpunkt zu bieten. Mit der Professionalisierung des Sports steigt die Notwendigkeit, Geld einzunehmen und immer neue Vermarktungsmethoden, -kanäle und -strategien werden aus der Taufe gehoben. Dies führt so weit, dass man sich im Juni 2017 erzählen lassen muss, dass die Zeit der Romantik und der Vereinsmeierei vorbei sei, der e.V. ein wirtschaftlicher Bremsklotz ist und man Daimler als Investor bräuchte, um wieder sportlich relevant zu werden. Die Masse goutiert diese Phrasendrescherei und spätestens jetzt ist der Bruch mit der Tradition des Vereins offensichtlich. Geld verdienen wird zum Selbstzweck, denn man muss ja Gelder generieren, um erfolgreich Fußball spielen zu können, das bringt dann mehr Geld und mehr Erfolg. Was Geld bringt ist gut, alles andere ist gestrig. Fußball spielt beim VfB nur wer wirtschaftlich verwertet werden kann. Junge und talentierte Männer, in Kickstiefeln oder an der Konsole. Frauenfußball zum Beispiel ist, im Gegensatz zu e-sports, eben kein Wachstumsmarkt.
Der VfB Stuttgart hat also eine Tradition als Fußballverein, tritt aber mittlerweile auf, wie der Verkäufer eines Produktes. Dieses Produkt hat man zu bejubeln oder bestenfalls zu konsumieren. Kritik, Mitsprache, Mitgestaltung, Mitverantwortung, Partizipation sind unerwünscht.

Was heißt das für uns?
Auf den ersten Blick ein Leben im Widerspruch, denn außer dem Spiel an sich, den 90 Minuten sportlichem Wettkampf, gibt es nicht mehr viel, womit man sich identifizieren kann oder will. Deshalb ist an dieser Stelle jeder Fanclub, jede Gruppe und jede Clique in der Cannstatter Kurve gefordert, genau diese Werte weiter zu leben und zu tragen, die sich einst die Vereine auf die Fahnen geschrieben haben. Kein Fanclub lebt ohne Ehrenamt, Wahlen oder Demokratie. Eine Gruppe ohne Solidarität, Zusammenhalt und Respekt ist wertlos. Die Cannstatter Kurve steht für eine jahrzehntealte Fankultur, sie hat Generationen gesehen, die sie auf ihre Art und Weise mit Leben gefüllt haben. Sie muss unser Gegenentwurf bleiben, der Ort an dem Leidenschaft mehr zählt als Hochglanz, an dem Geld und Erfolg nicht das Maß aller Dinge sind.
Genau das wollen wir auch in Leipzig zeigen, also packt eure Zaunfahnen ein, gerne so alt wie möglich. Lasst uns zeigen, dass wir noch da sind und es in Stuttgart noch eine authentische Fankultur gibt.

Jeder Einzelne ist der 12. Mann!