Spruchbanderklärung zum Auswärtsspiel in Berlin

Vom: 21. August  2017

Beim Auswärtsspiel in Berlin zeigten wir zusammen mit den anderen Stuttgarter Ultrasgruppen das folgende Spruchband:

„Unser Problem mit euch ist: Eure selbstherrliche Paralleljustiz. Fick dich DFB!“

Angesichts der kursierenden Meinung der DFB würde künftig auf Kollektivstrafen verzichten mag die Wortwahl recht drastisch wirken. Allerdings lohnt sich ein genauerer Blick auf die Formulierung des DFB-Präsidenten und den damit verbundenen Vorschlag, doch in einen Dialog einzusteigen.
Herr Grindel empfiehlt nämlich dem DFB-Kontrollausschuss nur vorerst „darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist“. Dazu kommt noch ein Verweis auf die Unabhängigkeit der DFB-Sportgerichtsbarkeit. Es wird hier als bahnbrechendes Zugeständnis verkauft, dass Fans, die nicht gegen die Stadionordnung verstoßen haben, vorerst nicht mehr mitbestraft werden. Das alles mit einem mehr als zynischen Verweis des Verbandspräsidenten auf die Unabhängigkeit der verbandseigenen Gerichtsbarkeit. Dieses Gebaren des DFB als Staat im Staat ist aus unserer Sicht ein grundsätzliches Problem und das System der Sportgerichtsbarkeit kann aus unserer Sicht nicht dadurch legitimiert werden, dass temporär auf die schlimmsten Auswüchse verzichtet wird.

Jeder einzelne Aspekt dieser anmaßenden Paralleljustiz gehört auf den Prüfstand:
• Kollektivstrafen: Hier hatte man schon 2012 die Abkehr verkündet. (http://www.tagesspiegel.de/sport/nach-union-frankfurt-dfb-kuendigt-umdenken-bei-verboten-fuer-fans-an/6444600.html)
• Stadionverbots-Richtlinien: Hier wird das von der Unverletzbarkeit der Wohnung ausgehende Hausrecht bis auf Großveranstaltungen wie Fußballspiele ausgedehnt um ein Parallelstrafrecht zu etablieren. (Link zu den Fananwälten: http://www.fananwaelte.de/?p=147)
• Geldstrafen: Der Verband verhängt nach Gutdünken Geldstrafen gegen Vereine deren Fans unliebsam aufgefallen sind, obwohl beispielsweise beim DFB-Pokalfinale der DFB selbst der Veranstalter ist. Geldstrafen sind in der Höhe auf Vereine zugeschnitten, allerdings gibt es Bestrebungen, das Geld von den Fans einzuklagen. Dadurch können Existenzen vernichtet werden.
• Datenweitergabe: Um Stadionverbote verhängen zu können, werden Daten aus laufenden Ermittlungsverfahren von der Polizei an die aussprechenden Vereine weitergegeben.
• Verbote von Fanutensilien, Choreos und Zaunfahnen: Das DFB Sportgericht hat in der Vergangenheit gegen ganze Fanszenen solche pauschalen Verbote verhängt. Es hat nichts mit Prävention zu tun, wenn die Eingangssituation am Spieltag durch solche schwachsinnigen Verbote weiter angeheizt wird. Keine ernsthafte Fangruppe wird sich ihre Zaunfahne verbieten lassen.

Einen Dialog über dieses Strafensystem mit dem Ziel der Legitimation einer Kompromisslösung wird es mit uns nicht geben!
Ebenso wenig wird es mit uns einen „Krieg“ gegen den DFB geben. Dieser Slogan hat seinen Zweck als Türöffner und Provokation erfüllt und kann nun zu Gunsten von Argumenten zurückgestellt werden. Nazivergleiche oder Holocaustparallelen sind selbstverständlich auch hier nicht hilfreich um einen eigenen Standpunkt darzulegen, sie sind schlicht und einfach deplatziert.

Wir haben uns mit der Paralleljustiz exemplarisch einen der vielen Konfliktpunkte zwischen Fans und DFB herausgegriffen, weitere Themen finden sich in unserem Aufruf zur Karawane Cannstatt oder wurden am zurückliegenden Spieltag von anderen Fanszenen in Spruchbändern oder Texten thematisiert. Es geht dabei nicht um Pyrotechnik oder vermeintlich andere „Ultras-Angelegenheiten“. Die Kritikpunkte betreffen jeden einzelnen Fußballfan:
• Zerstückelung des Spieltags auf Anstoßzeiten von Freitag- bis Montagabend.
• Spiele, die unter der Woche bereits um 14 Uhr angepfiffen werden.
• Sanktionen für Spruchbänder und Gesänge; Verbot der freien Meinungsäußerung.
• Chinesische U20 in der Regionalliga Südwest.
• Ein Relegationsmodus, der Clubs für eine erfolgreiche sportliche Saison die gerechte Belohnung vorenthält.
• Ein Pokalfinale im Stile des amerikanischen Super Bowls inklusive Halbzeit Show-Act.
• Fehlende Konsequenz im Umgang mit Clubs wie RB Leipzig, die die 50+1-Regelung untergraben, jedoch öffentlich hofiert werden.
• Eine gekaufte WM 2006 deren vollständige und ehrliche Aufarbeitung vom DFB weiterhin verweigert wird.
• Überlegungen hinsichtlich der Einführung des „englischen Modells“ / Abschaffung der Stehplätze.

Diese Liste ließe sich sicherlich an einigen Punkten noch präzisieren oder erweitern, sie zeigt allerdings sehr gut die Entwicklung:
DFB und DFL vermarkten mit der Stimmung aus den Fankurven das Produkt Fußball. Im Gegenzug drangsalieren sie Fußballfans in einer Art, die nicht mehr akzeptabel ist und lassen rechtsstaatliche Bodenhaftung genauso vermissen, wie ein gesundes Maß an Selbstreflexion.

In der laufenden Saison werden daher viele Fanszenen den Protest in die Stadien tragen. Deutlich, mitunter provokativ – vor allem jedoch in der Gewissheit, dass der deutsche Fußball die Argumente nicht weiter ignorieren kann.