Das Commando

Gedanken

Die EM und die Doppelmoral der Medien
Freiraum Ultra Attitude – Zeige, für was du lebst!
ULTRAS – Ein Way of life
Quo vadis Italien – Ultrà in seinem Entstehungsland in Gefahr
Freiheit stirbt mit Sicherheit - Wie Fußballfans als Testobjekt für die staatliche Überwachung dienen
Thema Pyro - oder die Habgier des modernen Fußballs
Gegen Polizeiwillkür und Verbote - Für mehr Rechte der Fans
Gegen Kommerz - Für Traditionen und den Erhalt der Fankultur

ULTRAS – Ein Way of life

In früheren Ausgaben des Cannstatter Blättles wurde die Entstehungsgeschichte der ULTRAS in Italien und wie diese nach Deutschland kam ausführlich beleuchtet. Nun soll es um den Gedanken gehen, der hinter ULTRAS steckt. Zu Beginn dieses Berichts eine kleine Szene: 29. November 1998, das Spiel SS Lazio – AS Roma. Mein erster Besuch in Rom, und dann gleich das Derby. Beim Betreten des Stadio Olimpico fällt sofort die Ähnlichkeit zu unserem Neckarstadion auf: große weitläufige Kurven mit Laufbahn und schlechter Akustik. Doch in den beiden Kurven, der Curva Sud des AS Rom und der Curva Nord des SS Lazio, ein gänzlich anderes Bild als in der Bundesliga. Zwei von ULTRAS geprägte Kurven, die neben beeindruckenden optischen Aktionen wie Choreos, Spruchbändern, großen Schwenkfahnen, Zaunfahnen und Pyroshows einen derart lautstarken, Gänsehaut erzeugenden Auftritt hinlegten, dass ich dieses Spiel nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Dieser Tag hat mir gezeigt, dass die ganze Diskussion, die zum damaligen Zeitpunkt in Stuttgart geführt wurde, dass unser Stadion schuld an der schlechten Stimmung sei, der völlig falsche Ansatz war. Es brauchte etwas anderes bei uns: ULTRAS. Was damals allerdings noch nicht bedacht und erst später zum Thema wurde, ist die Wurzel des Ganzen, der Spirit der Bewegung: die „Mentalität Ultra“.

Doch was ist das genau? „Ultra ist der Kampf ums Ganze“, prangt auf einer unserer Fahnen. Ultra ist nicht nur zu jedem Spiel zu fahren, in der Kurve zu stehen und ein paar Papptafeln hochzuhalten. Eine der Grundeinstellungen sollte es sein, dass man seine eigenen Interessen immer hinter die der Kurve und der Gruppe stellt. Fragen wie, ob man die Lieder des Vorsängers mitsingt, einen Protest der Gruppe/Kurve mitträgt, auswärts geschlossen vom Bus/Bahnhof zum Stadion und wieder zurück läuft, Entscheidungen der Gruppe mitträgt usw. sollten sich erst gar nicht stellen. Die Wege der Gruppe sind auch die eigenen Wege. Der Gedanke, dass man nur gemeinsam mit geschlossenem Auftreten und Zusammenhalt etwas erreichen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der ULTRAS – egal ob es um Stimmung, Auswärtsfahrten, Kurvenshows, Proteste oder die Bereitschaft geht, die Ehre der Kurve zu verteidigen. Eben jene Ideale, welche ihre Wurzeln in der aus Arbeiter- und Studentenbewegungen heraus entstanden italienischen Ultrabewegung haben und sich in verschiedenen Erscheinungsformen äußern wie der Auflehnung gegen konstitutionelle Autoritäten (wie in anderen gesellschaftlichen Bewegungen), einer straffen Organisation oder einem individuellen Stil, der sich bewusst vom peinlichen Klischee des besoffenen Fußball-Assis unterscheidet. Hinter der ULTRAS-Fahne zu stehen, die Symbole der Gruppe zu tragen und diese als Mitglied nach außen zu repräsentieren ist kein Samstagnachmittags-Vergnügen, sondern eine ernste Sache. ULTRAS ist eine Lebenseinstellung und -aufgabe, ein Way of life, der sich zum Beispiel darin widerspiegelt, stets geschlossen als Gruppe aufzutreten, die ULTRAS-Materialien als Heiligtum zu behandeln, sich so oft wie möglich mit den Brüdern aus der Gruppe zu treffen, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, sich jeden Tag Gedanken darüber zu machen, wie sich die Gruppe und die Kurve verbessern kann, oder z.B. durch Spielbesuche im Ausland oder Gespräche mit anderen ULTRAS nach Inspirationen zu suchen, die die Gruppe voranbringen. Die Gruppe steht stets im Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns, jeder „Fehltritt“ fällt auf die Gruppe zurück. Unverzichtbar sind auch die Organisation sowie klare Regeln, ohne die keine festen Strukturen geschaffen und kein geschlossenes Auftreten erreicht werden kann. Selbstverständlich sollte auch ein kritisches Denken vorhanden sein und gesellschaftliche Abläufe hinterfragt werden anstatt alles hinzunehmen, was Politik, Vereine, Polizei und Medien einem vorsetzen. Die Kultur der ULTRAS geht auch insofern über das Stadiongeschehen hinaus, dass versucht wird die Kurve und die Stadt zu vereinen. Nur mit einer vereinten Stadt, die hinter ihrem Verein und hinter der Kurve steht, manifestiert sich der Gedanke ULTRAS unter den Dächern der Stadt und die Kurve gewinnt an Kraft. Der Stolz auf die eigenen Farben, die Absteckung und Markierung des eigenen Territoriums in Form von Zaunfahnen, Streetart und anderen Elementen oder die Vermittlung von Werten wie Solidarität, Respekt, Treue und Ehre sind nur einige wenige weitere Aspekte der so vielfältigen Kultur der ULTRAS.

Natürlich kann in einem kurzen Text wie diesem nur ein kleiner Ausschnitt der vielfältigen Kultur aufgezeigt werden. Für weitere Anregungen empfehlen wir, sich in den Stadien Europas selbst ein Bild zu machen. Auch die Lektüre des überregionalen Ultra-Magazins „Blickfang Ultra“, die sich tiefgründig mit dem Ultragedanken beschäftigt, ist sehr empfehlenswert. Zum Schluss noch mal eine kleine Szene: 19. März 2008, es ist wieder Römer Derby. Das Bild in den Kurven ist allerdings ein etwas anderes als vor 10 Jahren. Zu sehr haben die Repressionen nach Catania und die jüngsten Vorfälle um den von der Polizei ermordeten Lazio-Ultra Gabriele Sandri Spuren hinterlassen. Doch die ULTRAS geben nicht auf. Im Sinne der gemeinsamen Sache als ULTRAS zeigen sich beide Lager, die sich normalerweise abgrundtief hassen und bekämpfen, solidarisch und ehren den ermordeten Anhänger Gabriele mit einer gemeinsamen Aktion. „Non mollare mai” heißt der Leitspruch der Laziali, was soviel heißt wie „Niemals aufgeben“! ULTRAS, wir geben niemals auf!