Das Commando

Gedanken

Die EM und die Doppelmoral der Medien
Freiraum Ultra Attitude – Zeige, für was du lebst!
ULTRAS – Ein Way of life
Quo vadis Italien – Ultrà in seinem Entstehungsland in Gefahr
Freiheit stirbt mit Sicherheit - Wie Fußballfans als Testobjekt für die staatliche Überwachung dienen
Thema Pyro - oder die Habgier des modernen Fußballs
Gegen Polizeiwillkür und Verbote - Für mehr Rechte der Fans
Gegen Kommerz - Für Traditionen und den Erhalt der Fankultur

Quo vadis Italien – Ultrà in seinem Entstehungsland in Gefahr

Das Drama des 11. Novembers 2007 sitzt immer noch tief. Gabriele war einer wie wir, der den Fußball liebte, dessen große Leidenschaft es war ins Stadion zu gehen und seinen Verein zu Heim- und Auswärtsspielen zu begleiten. An diesem 11. November war er auf dem Weg von Rom nach Mailand, um seine Laziali zu unterstützen. Er war einer, der wie wir Samstagmorgens um 5 Uhr aufgestanden ist, um durch die halbe Republik zu reisen. In der Absicht seine Farben in einem fremden Stadion zu vertreten, in der Hoffnung an dem Freudentaumel eines Auswärtssieges teilhaben zu können, in der Vorfreude wieder mit dem berauschenden Gefühl nach Hause zu fahren, in einem Block voller lautstarker Stimmung ein Teil des Ganzen gewesen zu sein. Am 11. November durfte er dies alles nicht mehr erleben.

In der Medien-Berichterstattung war von der Trauer um einen erschossenen Fan leider nicht viel zu lesen. Reißerische Headlines wie „Fan-Terror in Italien“ oder „Der Ultra-Krieg“ rauschten dagegen en masse durch die Presse, die zudem noch mit erschreckender Unwissenheit glänzte. So wurden nach den Ausschreitungen in Bergamo die Atalanta-Ultras als rechtsradikal bezeichnet und es wurde ihnen „politische Motivation“ unterstellt. Dabei weiß ein jeder, der sich nur halbwegs in Italien auskennt, dass die Atalanta-Ultras für ihre antirassistische, linksgerichtete Einstellung bekannt sind. Es muss schon viel passieren bis eine Szene wie Bergamo sich mit den rechten Lazio-Ultras solidarisch zeigt. Und es ist viel passiert in Italien – so viel, dass die Ereignisse vom 11. November das Fass zum Überlaufen brachten. Statt eine Hetzschlacht gegen Ultras zu starten, um Quoten und Auflagen nach oben zu treiben, hätten einige Medien lieber mal recherchieren sollen, woher diese unglaubliche Wut der italienischen Ultras kommt, die sich am 11. November im ganzen Land entladen hat.

Nicht erst seit dem G8-Gipfel von Genua 2001 spielt die italienische Polizei, die für ihr äußerst brutales Vorgehen bekannt ist, eine fragwürdige Rolle. In Genua deckten Videoaufzeichnungen auf, wie die Beamten mit Knüppeln auf Frauen und andere Unbeteiligte einprügelten. Die Reportage mit dem Titel „Die blutigen Tage von Genua“ wurde im WDR gezeigt und sogar mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Darin kommentiert der Reporter die schockierenden Bilder von blutig zusammengeknüppelten Menschen: „Zivile und maskierte Polizisten machen sich über friedliche Demonstranten her, aber auch über Ärzte und Journalisten, als gehe es darum Zeugen auszuschalten.“ Nach dem Tod des Polizisten Raciti in Catania veranlasste die italienische Regierung vor einigen Monaten drastische Maßnahmen. So wurden alle Fahnen, Banner und sonstigen optischen Hilfsmittel in allen Stadien verboten. Zudem dürfen zu bestimmten Spielen keine Gästefans mehr anreisen – zum Leidtragen von Tausenden friedlichen Fans. Ultras werden mit teilweise fadenscheiniger Begründung für mehrere Jahre inhaftiert. Das wäre genauso, wie wenn es wegen der Krawalle von Leipzig den Fans des VfB Stuttgart verboten wird zu Auswärtsspielen zu fahren, alle Fahnen und optische Materialien im Neckarstadion verboten werden und Leute von uns für mehrere Jahre in den Knast gesteckt werden. Klar, dass solche heftigen Repressionen bei vielen italienischen Ultras, die mit den Ereignissen in Sizilien nichts zu tun haben, Aggressionen gegen die Staatsmacht schüren. Im Gegensatz zur Berichterstattung der staatlich stark beeinflussten italienischen Medien wird es inzwischen übrigens immer wahrscheinlicher, dass Raciti nicht von einem Wurfgeschoss eines Fans erschlagen, sondern von einem Kollegen überfahren wurde. Woche für Woche müssen sich die italienischen Ultras seither Repressionen gefallen lassen, die in keiner Relation zu ihrer jeweiligen Szene stehen. Beim Spiel von Manchester United in Rom vor einigen Monaten wurde im Gästeblock nicht nur vermeintlichen Krawallmachern, sondern auch normalen Familienvätern mit dem Knüppel auf den Kopf geschlagen. Die Fernsehbilder lösten in der englischen Öffentlichkeit eine Welle der Empörung aus. Als am 11. November dann die Nachricht von einem durch einen Polizisten erschossenen Tifosi die Runde machte, brachte dies die seit Jahren aufgestaute Wut der italienischen Ultras gegen die Polizei zum Überlaufen und mündete in die bekannten Szenen.

Seit Jahren holen sich viele deutsche Ultras ihre Inspirationen aus dem Land der fanatischen Fußballbegeisterung, des mediterranen Lebensgefühls, des guten Essens und der großen Sonnenbrillen. Ob von den 1969 gegründeten Ultras Tito aus der großartigen Gradinata Sud von Sampdoria Genua, den verrückten Freak Brothers vom Drittligisten Ternana oder der rauen Curva Nord Bergamo, ob von den Rebellen der BAL aus Livorno, den Choreografie-Experten aus Mailand oder der legendären Curva Sud des AS Rom – die historischen Gruppen aus dem Ultra-Mutterland, ohne die es die deutsche Bewegung nicht geben würde, sind bis heute Trend-Vorreiter und Leitbilder. Dabei ist die Hommage vieler deutscher an italienische Gruppen kein Gewaltfaszinosum, sondern spiegelt vielmehr die Anerkennung wider, dass es ohne das Mutterland bei uns in Deutschland nichts von der so faszinierenden Kultur gäbe, die durch die italienischen Ultras in den 60er-Jahren entstanden ist und ganz Europa begeisterte – keine spektakulären Kurvenchoreografien wie gegen Glasgow oder Manchester, kein atemberaubendes riesiges Doppelhalter- und Fahnenmeer, das Woche für Woche die Cannstatter Kurve schmückt, keine durch einen Anstimmer koordinierte und damit stark verbesserte Stimmung in den Fanblöcken. Die Gewalt dagegen gab es schon vor der Zeit der Ultras in deutschen Stadien, als die Skinhead- und Hooligan-Bewegung in den 80er-Jahren für Aufsehen sorgte. Ein Aussterben der Ultrakultur in Italien, wie es nach den verheerenden Repressionen zu befürchten ist, würde auch für die deutsche Ultraszene Folgen haben. Gruppen wie die Ultras Frankfurt, die seit 7 Jahren mit der Curva Nord von Atalanta Bergamo befreundet sind, oder die Ultras Nürnberg, die neben anderen europäischen Freundschaften zu Mentalita Ultras Brescia 1911 Kontakte pflegen, gehören nicht umsonst zu den besten in Deutschland. Selbst angesehene ausländische Gruppen wie Commando Ultra 84 Marseille (Freundschaft mit BAL Livorno und UTC Sampdoria), Magic Fans St. Etienne (mit WSB Cesena) oder Ultras Rapid (mit Veneziamestre) kommen regelmäßig nach Italien zum Lernen. Klar gibt es noch andere Inspirationsquellen in Europa wie beispielsweise manch beeindruckende Kurve in Kroatien, Griechenland oder Frankreich. Doch haben diese alle nicht diese ganz spezielle Art, Verbreitung und Mentalität aus dem Land, in dem Ultra vor 40 Jahren geboren wurde und die Subkultur das Licht der Welt erblickte.

Wie die Bilder vor drei Wochen zeigten, konnten die drastischen Maßnahmen der Regierung nach dem Tod Racitis die Gewalt in Italien nicht eindämmen. Im Gegenteil, sie führten sogar zu einer Verschlimmerung. Gewisse Maßnahmen sind sicherlich notwendig, um eine Eskalation zu verhindern. Aber übertriebene Repressionen gegen Fans im Allgemeinen wie Stadion- oder Auswärtsreiseverbote sind keine Lösung. Wenn man der Gewalt im Fußball wirkungsvoll entgegentreten will, bedarf es einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Denn Gewalt ist ein Problem der Gesellschaft – und kein „Krebsgeschwür des Fußballs“, wie es der UEFA-Präsident Michel Platini neulich bezeichnete. Gewalttätige Auseinandersetzungen gibt es nicht nur vor den Stadien, sondern auch vor Diskotheken, Jugendhäusern, Volksfesten und Schulen. Überall dort, wo Jugendliche verkehren, die mit ihren Problemen im Alltag nicht zurecht kommen. Es wäre genauso wenig eine Lösung, Betretungsverbote in Schulen und Jugendhäusern auszusprechen, denn – wie beim Fußball – würde sich durch Ausgrenzung statt Integration die Problematik nur verschärfen. Nur wenn man die Probleme in unserer Gesellschaft wie Arbeitslosigkeit, fehlende Integration oder zunehmende soziale Kälte wirkungsvoll bekämpft, kann auch die Gewalt in den Schulen, Diskotheken und beim Fußball eingedämmt werden. Dies gilt für Italien wie für Deutschland. Die Ausschreitungen in Catania waren kein Phänomen des Fußballs, sondern eine Begleiterscheinung der vielfältigen gesellschaftlichen Probleme in diesem Land wie zum Beispiel dem enormen Wohlstandsgefälle innerhalb des Landes oder den sozialen Nöten in Städten wie Neapel, Palermo oder eben Catania. Auch in vielen deutschen Städten, beispielsweise im Osten, finden gesellschaftliche Probleme im Fußball ihr Ventil.

Leider sind trotz dieser Erkenntnisse drastische Maßnahmen gegen Fans im Allgemeinen auch in Deutschland nicht auszuschließen. Gegenüber dem Manager-Magazin sagte Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, dass ein Anreiseverbot für Gästefans oder die Absage ganzer Spieltage auch in Deutschland vorstellbar seien. „Wir können nichts ausschließen“, so Freiberg, der vor ähnlichen Szenen wie in Italien warnte. Und das obwohl nachgewiesen wurde, dass die Gewalt in deutschen Stadien in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen ist. Bilder von Auseinandersetzungen beim Fußball werden allerdings viel öfters in den Medien gezeigt als früher, wodurch das Bild entsteht, dass es mehr Gewalt gibt als früher. Während es in den 80er-Jahren jedes Wochenende in und vor den Stadien zu blutigen Kämpfen und Auseinandersetzungen kam, ist ein Stadionbesuch heutzutage eine bunte Veranstaltung, bei der sich auch Familien mit Kindern die Spiele anschauen und am „Erlebnis Stadion“ teilhaben können. Um dieses „Erlebnis Stadion“ allerdings zu erhalten, braucht es eine gesunde Fanpolitik und einen respektvollen Umgang mit allen Teilen der Fanszene – egal ob traditionelle Fanclubs, Familien, Supporters oder Ultras. Nur als Gesamtes kann die Fanszene ihre vielfältige Kreativität entfalten. Eine Spaltung der Fanszene gefährdet die Fankultur mit all ihren Facetten und Emotionen – und das wäre das Ende des Fußballs wie wir ihn kennen und lieben.